Weißer Bauchnabel Europa
Rassismus in Schulbüchern
Alles, was in Deinen Schulbüchern steht, wirst Du in wenigen Jahren vergessen haben. Was bleibst, ist das Bild von der Welt, dass Du aus Ihnen gelernt hast. Häufig bringen Schulbücher auf unterschwellige Weise einen rassistischen Blick bei. Das glaubst Du nicht? In Deinem Schulbuch wird Rassismus thematisiert und das findest Du auch gar nicht schlecht? Dann überprüfe Deine Bücher.
Good news...
Zuerst die gute Nachricht: In den letzten Jahrzehnten hat sich viel geändert. Bestimmte Diskriminierungen und Klischees sind auch in Schulbüchern immer seltener zu finden. Wer vor ein paar Jahren zum Beispiel ein Schulbuch aufschlug, der_die konnte sich sicher sein, wen er_sie dort antraf. Weiße, deutsche, nicht-migrantische, europäische, nicht-behinderte, heterosexuelle, meist männliche Personen. Frauen addierten maximal im Mathematikbuch ihren Einkaufszettel. Solche haarsträubenden Vorurteile finden sich in vielen Büchern nicht mehr. Und dass sich gerade die Kirchen massiv gegen Homosexualität und Patchwork-Familien im Unterricht wehren, ist ein gutes Zeichen. Es deutet darauf hin, dass sie die Hoheit im Klassenzimmer verloren haben.
...everyone
Leider ist es ein wenig wie bei Futurama. Immer wenn Professor Hubert J. Farnsworth eine gute Nachricht ankündigt, folgt eine schlechte: Herrschaftsverhältnisse verschwinden nicht so einfach. So lange es Rassismus, Ungleichheit der Geschlechter, Klassenunterschiede usw. gibt, wird sich dies auch in Schulbüchern zeigen. Dabei ist es egal, ob das die Schulbuchmacher_innen
wollten oder nicht.
Nehmen wir einmal ein vermeintlich positives Beispiel: In einem Geschichtsbuch der 8. Klasse wird anhand von rassistischen Beschimpfungen gegen die beiden Schwarzen Bundesligaspieler Tony Baffoe und Souleyman Sane angeregt, über die Wirkung von Rassismus nachzudenken. Kleiner Schönheitsfehler: die sicherlich gut gemeinte Idee der Schulbuchmacher_innen verkehrt sich in ihr Gegenteil. Der in Bad Godesberg geborene Anthony Baffoe und der in Vitry-Sur-Seine (Frankreich) geborene Souleyman Sané werden unter der Überschrift „Begegnungen mit Afrika“ behandelt. Sie werden uns als „Senegalese“ (Sané) und als „Ghanaer“ (Baffoe) vorgestellt. Was haben wir gelernt? Wer eine bestimmte Hautfarbe hat, ist Afrikaner_in. Egal wo er oder sie geboren ist, lebt, welche Staatsangehörigkeit er_sie besitzt und in welchem Verein er_sie spielt. Hautfarbe schlägt Trikotfarbe. Das ist Rassismus, auch wenn dieser als Lernziel nicht auf dem Plan stand.
Wir Weißen?
Dabei hatte uns der Einleitungstext vermeintlich kritisch erklärt: „Von der Kolonialzeit bis heute ist unsere Vorstellung von Afrika geprägt von Überheblichkeit. Viele Vorurteile fallen uns gar nicht auf, weil sie zum Alltag gehören.“ Stimmt irgendwie? Stimmt irgendwie auch nicht. Denn man merkt doch recht genau, welche Vorstellungen die Schulbuchautor_innen von ihren Leser_innen hatten. Es war jedenfalls kein Schwarzer Bad Godesberger, der sich jeden Tag mit genau jenen rassistischen Klischees auseinandersetzen muss. Was haben wir gelernt? Dieses Schulbuch ist für Weiße gemacht? Oder: Nicht rassistisch zu denken, ist für weiße Europäer_innen oft gar nicht so einfach?
Wessen Augen ich benutz’, dessen Arschloch ich nicht sehe
Bleiben wir noch ein wenig bei der Frage, aus wessen Perspektive viele Schulbücher eigentlich auf die Welt schauen. Nehmen wir uns einmal die Geschichts- und Sozialkundebücher vor. Auch hier ist spannend, was nicht ausdrücklich gesagt wird. Denn eigentlich verdienen die Bücher den Titel „Geschichtsbuch“ in der Regel nicht. Alles was dort verhandelt wird, ist europäische Geschichte bzw. Geschichte aus europäischer Perspektive. Einen Einfluss anscheint es nicht gegeben zu haben. Erster und Zweiter Weltkrieg scheinen ausschließlich in Europa stattgefunden zu haben und auch nur mit europäischen Soldat_innen. Nationalismus und Nationalstaatsbildung? Scheinbar auch ein rein europäisches Phänomen. Stimmt nicht? Afrika, Lateinamerika und Asien kommen auch vor? Stimmt. Als letztes Kapitel, in dem „die Probleme der Entwicklungsländer“ diskutiert werden. Geschichte, Kultur, Erfindungen, Sport scheint es in ganzen Regionen der Erde erst nach dem Kontakt mit Europäer_innen zu geben. Namen von wichtigen afrikanischen Politiker_innen
oder asiatischen Schriftsteller_innen? Fehlanzeige.
Und schon wieder haben wir etwas gelernt: Europa ist das Zentrum der Welt. Dürfen wir vorstellen, der Bruder vom Rassismus. Sein Name: Eurozentrismus.
Keep it simple
Um nicht missverstanden zu werden. Niemand kann über alles in der Welt Bescheid wissen, kein_e Schüler_in und kein Schulbuch. Um aber so tun zu können, vereinfachen Schulbücher und greifen zu etablierten Klischees um komplexe Sachverhalte zu erklären. Die Frage ist nur, wer schlecht dabei wegkommt: „Sicherlich denken und handeln die Menschen in Entwicklungsländern häufig nach einfachen und traditionellen Mustern.“ Moment. Oben hieß es, bestimmte Klischees seien nicht mehr so häufig vertreten. Das muss einschränkt werden. Sobald es um Politik geht, sieht es anders aus.
Es gibt noch einen Trick, der in fast allen Büchern angewandt wird. Immer wenn es um die Probleme „der Anderen“ geht, kommt Deutschland auf einmal nicht mehr in den übersichtlichen Schaubildern vor. Falls doch, dann als Geber von Entwicklungshilfe. Die militärische Durchsetzung deutscher Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen wird nicht thematisiert. Ungleiche Handelsverträge, Zollabkommen und eine Subventionspolitik zu Ungunsten von Landwirt_innen aus afrikanischen Staaten sucht man vergeblich. Sie würden nämlich zeigen, dass es auch Profiteure der weltweiten Ungleichverteilung von Reichtum gibt. In diesem Fall unter anderem Deutschland – als das bereits zitierte „Wir“.
Erst denken, dann...
Was aber tun? Offenbar ist es gar nicht so einfach. Neben Büchern, die ganz offen rassistisch und eurozentristisch sind, gibt es welche, die sogar versuchen Rassismus zu thematisieren – und daran scheitern. Der erste Schritt ist, sich klar zu machen, was in Büchern gelehrt wird, ohne dass es im Text steht. Eine gute Probe ist, Argumentationen zu prüfen und in andere Bücher als Schulbücher zu gucken. Aber das reicht nicht. Auch bei Texten, die auf den ersten Blick gar nicht so schlecht aussehen, lohnen sich einige Fragen: Aus welcher Perspektive werden Themen präsentiert? Wem werden welche Eigenschaften zugesprochen? Wer wird als handelnd präsentiert und wer nicht? Wer wird mit Namen benannt und wer taucht nur anonym oder in der Masse auf?
...handeln!
Wenn Du das tust, wirst Du nicht umhinkommen, Dir neue Fragen zu stellen. Konfrontiere Lehrer_innen mit Deinem Wissen. Werden die Bücher wieder verwendet? Dann ist bei manchen schlimmen Sachen auch mal das Herausreißen von Seiten oder ein bissiger Kommentar am Rand ein angemessenes Mittel.
Organisiere Dich mit Anderen! Die Naturfreundejugend Berlin unterstützt Dich gern bei der Organisation von Aktionen, Seminaren und Veranstaltungen (info@naturfreundejugend-berlin.de)
Beispiele aus:
• Thomas Berger von der Heide/Karl-Heinz Müller/Hans-Gert Oomen (Hg.): Entdecken und Verstehen. Geschichtsbuch Klasse 8, Berlin 1998 (Cornelsen Verlag).
• Peter Brandt: Geschichtsbuch Oberstufe. Das 19. und das 20. Jahrhundert, Berlin 2006 (Cornel-
sen Verlag).
• Ernst Mattern: Ich-Wir. Gemeinschaftskunde, Stuttgart 2003 (Holland und Josenhans Verlag).
erschienen in: Submarine zum Thema "Doofe Schule" (2009)

Infos zur Vorrundenauskampagne 2006"





